Schwärmerisches vom Beckenrand der Gesellschaft
Eine unverkitschte Liebesgeschichte im und unter Wasser: Bastien Vivès erzählt sie flüssig und ohne unnötige Wellen zu schlagen. Ich habe sie in einem Guss genossen.
Sein Widerwille ist bereits in der Umkleidekabine erkennbar, und viel mehr noch in der Gemeinschaftsdusche. Doch was sein muss, muss sein: Aufgrund eines Rückenleidens wurde der junge Mannvon seinem Physiotherapeuten dazu verdonnert, regelmäßig schwimmen zu gehen. Rückenkraulen ist angesagt.
Seitlich Einspringen verboten
Auch nachdem er sich das beißende Chlor aus den Augen gerieben und ein paar Bahnen geschwommen hat, bleibt er ein Fremdkörper im Schwimmbecken. Das Wasser mag ihn nicht, und er nicht das Wasser. Angewidert schaut er einer Dicken im Badeanzug beim Nasenbohren zu. Doch dann bemerkt er sie, die junge Frau. Und auf einmal ist alles anders.
Mit grazilen Bewegungen legt sie Badekappe und Schwimmbrille an und macht einige Lockerungsübungen, bevor sie anmutig durchs Wasser zu gleiten scheint. Er lässt sie währenddessen keine Sekunde lang aus den Augen. Kein Wunder: Er ist längst von ihr verzaubert.
Die nächsten Male besucht er das Hallenbad voller Vorfreude. Jeden Mittwoch trifft der bis zum Schluss namenlos bleibende Protagonist, ein schüchterner Kerl um die Zwanzig, die Schöne im schwarzen Badeanzug und der weißen Bademütze im Schwimmbecken, wo sie sich nach und nach ein wenig näherkommen. Sie, im Wasser eine Athletin, kann ihm einige nützliche Tipps zu Schwimmtechniken geben – die Basis eines scheuen Versuchs der Annäherung. Die beiden schwimmen und reden ab und zu einige Worte – meistens übers Schwimmen. Ansonsten passiert nicht viel.
Die Geschichte, die in Der Geschmack von Chlor erzählt wird, ist alt und im Grunde eher herkömmlich. Doch der gerade mal 26-jährige Vivès hat es auf beeindruckende Weise fertiggebracht, die Gefühlsentwicklung des Protagonisten zu einer mitreißenden Angelegenheit zu verdichten.
Der Künstler inszeniert ein Kammerspiel. Bis auf wenige Bilder, die den jungen Mann beim Physiotherapeuten zeigen, ist das Schwimmbad die einzige Kulisse, die man zu Gesicht bekommt. Ein geschickter Schachzug, denn das gekachelte Becken negiert den nach außen getragenen Individualismus, den die dort versammelten Schwimmer außerhalb des Hallenbads pflegen, indem es natürlich nur Badebekleidung zulässt. Auf diese Weise begegnen sich die beiden jungen Menschen dort ohne Vorbehalte – und dem Leser bleibt diesbezüglich auch nichts anderes übrig.
Aufs Maximum reduziert
Der neutrale Raum des keimfreien Schwimmbeckens verleiht der Liebesgeschichte zunächst einen universellen Charakter. Zu etwas Einzigartigem wird sie dagegen durch Vivès´ Zeichnungen gemacht. Sein – zumindest bei diesem Comic – reduzierter Stil, der die Protagonisten mit großer Ausdrucksstärke harmonisch in das flächige, grünlich-bläuliche Setting des Hallenbads integriert, ist so einfach wie beeindruckend. Denn obwohl recht wenig gesprochen wird, kann man beim Betrachten nur einiger weniger dieser Bilder ellenlange Gedankengänge aus den Gesichtern ablesen. Der Geschmack von Chlor transportiert die Mehrheit der Informationen über stumme Passagen – jeder verstohlene Blick, jede zurückhaltende Geste ist mit viel Bedeutung aufgeladen. Die Worte, die unausgesprochen bleiben, wiegen hier am schwersten.
Die Lektüre von Der Geschmack von Chlor ist fast schon ein meditativer Moment. Doch bei aller Ruhe schafft es der Comic, dem Leser die dumpfe Stille unter Wasser und die monotone Geräuschkulisse von aufspritzendem Wasser und sich am Beckenrand brechenden Wellen nicht nur vorzuführen, sondern tatsächlich ins Gehör zu rufen. Dabei verzichtet er komplett auf den Einsatz von Lautmalerei, die innerhalb der auf das Wesentliche reduzierten Bilder ohnehin nur störend wirken würden. So vermag der Comic unmittelbar und nachhaltig zu berühren.
Vivés hat mit Der Geschmack von Chlor eine wundervolle, herrlich subtile Graphic Novel geschaffen, die es vermag, alle Sinne des Lesers anzusprechen. Auf dem Comic-Festival in Angoulême hat man den jungen Franzosen letztes Jahr mit dem Preis für Nachwuchskünstler ausgezeichnet, weswegen sein Name inzwischen in einem Atemzug mit Larcenet oder Bilal genannt wird. Und das, angesichts dieser Leistung, vollkommen zurecht.
Seitlich Einspringen verboten
Auch nachdem er sich das beißende Chlor aus den Augen gerieben und ein paar Bahnen geschwommen hat, bleibt er ein Fremdkörper im Schwimmbecken. Das Wasser mag ihn nicht, und er nicht das Wasser. Angewidert schaut er einer Dicken im Badeanzug beim Nasenbohren zu. Doch dann bemerkt er sie, die junge Frau. Und auf einmal ist alles anders.
Mit grazilen Bewegungen legt sie Badekappe und Schwimmbrille an und macht einige Lockerungsübungen, bevor sie anmutig durchs Wasser zu gleiten scheint. Er lässt sie währenddessen keine Sekunde lang aus den Augen. Kein Wunder: Er ist längst von ihr verzaubert.
Die nächsten Male besucht er das Hallenbad voller Vorfreude. Jeden Mittwoch trifft der bis zum Schluss namenlos bleibende Protagonist, ein schüchterner Kerl um die Zwanzig, die Schöne im schwarzen Badeanzug und der weißen Bademütze im Schwimmbecken, wo sie sich nach und nach ein wenig näherkommen. Sie, im Wasser eine Athletin, kann ihm einige nützliche Tipps zu Schwimmtechniken geben – die Basis eines scheuen Versuchs der Annäherung. Die beiden schwimmen und reden ab und zu einige Worte – meistens übers Schwimmen. Ansonsten passiert nicht viel.
Die Geschichte, die in Der Geschmack von Chlor erzählt wird, ist alt und im Grunde eher herkömmlich. Doch der gerade mal 26-jährige Vivès hat es auf beeindruckende Weise fertiggebracht, die Gefühlsentwicklung des Protagonisten zu einer mitreißenden Angelegenheit zu verdichten.
Der Künstler inszeniert ein Kammerspiel. Bis auf wenige Bilder, die den jungen Mann beim Physiotherapeuten zeigen, ist das Schwimmbad die einzige Kulisse, die man zu Gesicht bekommt. Ein geschickter Schachzug, denn das gekachelte Becken negiert den nach außen getragenen Individualismus, den die dort versammelten Schwimmer außerhalb des Hallenbads pflegen, indem es natürlich nur Badebekleidung zulässt. Auf diese Weise begegnen sich die beiden jungen Menschen dort ohne Vorbehalte – und dem Leser bleibt diesbezüglich auch nichts anderes übrig.
Aufs Maximum reduziert
Der neutrale Raum des keimfreien Schwimmbeckens verleiht der Liebesgeschichte zunächst einen universellen Charakter. Zu etwas Einzigartigem wird sie dagegen durch Vivès´ Zeichnungen gemacht. Sein – zumindest bei diesem Comic – reduzierter Stil, der die Protagonisten mit großer Ausdrucksstärke harmonisch in das flächige, grünlich-bläuliche Setting des Hallenbads integriert, ist so einfach wie beeindruckend. Denn obwohl recht wenig gesprochen wird, kann man beim Betrachten nur einiger weniger dieser Bilder ellenlange Gedankengänge aus den Gesichtern ablesen. Der Geschmack von Chlor transportiert die Mehrheit der Informationen über stumme Passagen – jeder verstohlene Blick, jede zurückhaltende Geste ist mit viel Bedeutung aufgeladen. Die Worte, die unausgesprochen bleiben, wiegen hier am schwersten.
Die Lektüre von Der Geschmack von Chlor ist fast schon ein meditativer Moment. Doch bei aller Ruhe schafft es der Comic, dem Leser die dumpfe Stille unter Wasser und die monotone Geräuschkulisse von aufspritzendem Wasser und sich am Beckenrand brechenden Wellen nicht nur vorzuführen, sondern tatsächlich ins Gehör zu rufen. Dabei verzichtet er komplett auf den Einsatz von Lautmalerei, die innerhalb der auf das Wesentliche reduzierten Bilder ohnehin nur störend wirken würden. So vermag der Comic unmittelbar und nachhaltig zu berühren.
Vivés hat mit Der Geschmack von Chlor eine wundervolle, herrlich subtile Graphic Novel geschaffen, die es vermag, alle Sinne des Lesers anzusprechen. Auf dem Comic-Festival in Angoulême hat man den jungen Franzosen letztes Jahr mit dem Preis für Nachwuchskünstler ausgezeichnet, weswegen sein Name inzwischen in einem Atemzug mit Larcenet oder Bilal genannt wird. Und das, angesichts dieser Leistung, vollkommen zurecht.
Titelangaben:
Bastien Vivès: Der Geschmack von Chlor
Aus dem Französischen von Kai Wilksen
Berlin: Reprodukt Verlag 2010.
Aus dem Französischen von Kai Wilksen
Berlin: Reprodukt Verlag 2010.
144 Seiten. 18 Euro.

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