Freitag, 3. Januar 2014

Interview mit den Jakob-Schöpfern Felix Mertikat und Benjamin Schreuder

Auf der Frankfurter Buchmesse 2010 habe ich für das TITEL-Kulturmagazin ein Interview mit Felix Mertikat und Benjamin Schreuder, den Machern des Comics Jakob, geführt. Immerhin sind die beiden frischgebackene Sondermann-Preisträger für das beste Debüt.

Jakob war ja euer Diplomprojekt für die Filmakademie Baden-Württemberg. Wie war das damals, ist euer für eine Filmakademie eher abwegiges Thema vielleicht ein bisschen zwiespältig aufgenommen worden?

FM: Zunächst einmal: Ein Diplomthema war es nur von mir – Benjamin studiert noch eine Weile.

Ja, du bist, soweit ich weiß, noch mit dem Drehbuch für einen Spielfilm – einen Thriller – beschäftigt.

BS: Ja, Johanna soll der fertige Film heißen.

FM: Jakob war zwar unser gemeinsames Projekt, aber nur für mich ein Diplomthema – für das Animationsinstitut. Ich war damals der einzige Zeichner an der Akademie, und natürlich hat sich für mich die Frage gestellt, über was ich denn meine Diplomarbeit mache in diesem vom Film dominierten Bereich. Ich hätte zwar den einfachen Weg gehen können und für die Filme anderer Leute die Konzeptzeichnungen und Storyboards machen können. Aber ich hab mir eben gedacht: Ich mache ein eigenes Projekt. Es ist allerdings kein Projekt, das man einfach mal so in einem Verlag unterbringt. Und dafür ist der geschützte Rahmen, den die Uni mir geboten hat, natürlich sehr praktisch gewesen.

Aber das Projekt als Thema durchzubekommen, war eigentlich überhaupt nicht schwierig, da wir an der Filmakademie ja angehalten werden, kreativ zu sein und eigenständige Geschichten zu verwirklichen. Irritationen gab es nur insofern, dass sich viele das fertige Werk düsterer und morbider gewünscht hätten – in der Art von den Zeichnungen, die ich sonst so gemacht habe. Jakob habe ich dann aber eher bunt, lustig und freundlich gezeichnet. Auch die Kooperation mit Benjamin hat hin und wieder zu Verwirrungen geführt, weil ein Gemeinschaftsprojekt eher ungewöhnlich ist für eine Abschlussarbeit. Animationsstudenten entwickeln ihre Stoffe in der Regel ja allein.

BS: An der Akademie sind es eben sechs, sieben Leute, die letztendlich über das, was man macht, die Entscheidungen treffen, und der eine sagt dann: "Wow, super, aber dies und das nervt mich." Und der nächste sagt: "Da hast du aber schon Besseres gemacht." Ein anderer findet es dann zu poppig. Sogar der Wunsch, dass es doch regnen sollte, wenn Jakob weint, wurde geäußert. Jeder sagt halt seine Meinung, aber letzten Endes hat man uns einfach machen lassen. Und mehr kann man sich – zumal an der Akademie sonst eben Filme gemacht werden – eigentlich nicht wünschen. Aber nicht nur für die Akademie, auch für uns war es Neuland. Wir haben vorher nur wenige Comics gelesen.

Seht ihr beiden euch überhaupt als Comic-Künstler?


FM: Ja, klar. Wir machen in diese Richtung jetzt auch weiter. Ich habe auf jeden Fall Blut geleckt.

BS: In einem anderen Interview habe ich mal gesagt, dass die Bezeichnung „Comic“ für das, was wir gemacht haben, schon okay ist. Wir haben ja etliche Begriffe für das, was wir gemacht haben, vor den Latz geknallt bekommen. Eben Comic, Graphic Novel, Kinderbuch, Bilderbuch, Bildergeschichte. Außerdem wäre es eitel zu sagen, dass wir keine Comics, sondern Graphic Novels machen. Bei dem, was wir machen, sind wir ja auch von den unterschiedlichsten Sachen beeinflusst. Das geht von Kinderbüchern über Animationsfilme bis hin zur bildenden Kunst. Und wenn bei dem, was wir machen, dann ein Comic herauskommt, ist es natürlich in Ordnung, uns als Comic-Künstler zu bezeichnen.

Damit kann man ja auch leben.

FM: Ob man davon leben kann, steht aber auf einem anderen Blatt. (lacht)

Felix, du hast ja vor zwei Jahren mit Opus Anima auch ein Rollenspielsystem herausgebracht. Der nächste Comic, den ihr plant, baut doch ein wenig auf der Welt dieses Spielsystems auf. Bezweckst du ein bisschen Eigenwerbung mit dem Comic?


FM: Nein, überhaupt nicht. Die beiden Sachen haben ja auch unterschiedliche Namen, und wer die eine Sache nicht kennt, wird auch die andere nicht erkennen. Außerdem habe ich diese komplexe Rollenspielwelt ja nicht alleine erschaffen. Und wenn wir an diese Sache jetzt gemeinsam mit dem Comic anschließen würden, wäre das sehr schwierig, da Benjamin nicht über alle Hintergründe Bescheid weiß. Deswegen haben wir beschlossen, Opus Anima einfach Opus Anima sein zu lassen und jetzt Steam Noir, also den Comic zu machen, wo wir mit den besten Ideen des Rollenspiels einen Neustart versuchen. Neben den Anleihen an das Rollenspiel wird es aber auch sehr viel Neues geben.

Okay, zurück zu Jakob: Du, Benjamin, bist ja für den Text zuständig gewesen, und Felix für die Zeichnungen. Für die Story wart ihr aber gleichermaßen verantwortlich. Wie ist die Zusammenarbeit dabei verlaufen? Gab es da vielleicht auch mal Streit?


FM: Naja, ich wiege ja 20 Kilo mehr... (lacht)

BS: Wir sind schon ein harmonisches Team, auch wenn wir uns in Diskussionen manchmal über etwas uneinig waren. Wir hatten auch Ideen, die die Geschichte noch ein ganzes Stück länger gemacht hätten. Gemeinsam haben wir dann aber erkannt, dass die Geschichte durch diese Ideen verwässert worden wäre, und da hat Felix vielleicht häufiger gesagt, dass wir das besser weglassen sollten, bis ich auch erkannt habe, dass er damit recht hat.

FM: Wir haben ja zum Glück eine sehr unterschiedliche Art zu arbeiten. Ich habe meistens gleich große Konzepte im Kopf und bestimmte Figuren. Aber mir fällt es unglaublich schwer, präzise Dialoge oder Details zu schreiben. Da springt dann Benjamin immer wahnsinnig gut ein, da kommt sehr viel von ihm.

BS: Felix hat einen eher intuitiven Zugang zum Schreiben von Geschichten. Bei mir kommt durch mein vieles Lesen, dadurch, dass ich bereits kreativ geschrieben habe und durch die Seminare, die ich besucht habe, automatisch viel – manchmal vielleicht zu viel – Handwerk mit rein. Durch mein Literaturwissenschaftsstudium und diverse Seminare zur Filmanalyse gehe ich vielleicht etwas verkopft an die Sache ran.

Kann man sagen, dass einer von euch beiden der Hauptinitiator von Jakob ist, von dem die Grundidee stammt?

FM: Ja, ich habe Benjamin dafür rekrutiert.

BS: Das kann man so sagen. Ich bin der Rekrut, er ist der... Rekrutant?!

FM: Es war so: 2005, als ich mit dem Studium angefangen habe, gab es einen Grundkurs in der Filmakademie, in dem ich ein Märchen schreiben musste. Da ist Die sieben Raben entstanden, in dem ein Stück weit die Grundidee von Jakob enthalten ist. Ich habe mir damals schon überlegt, ob man mein Märchen vielleicht aufarbeiten könnte. Einen Film wollte ich allerdings nicht machen, und ich bin auch kein guter Romanautor, weswegen ich kein Prosastück daraus gemacht habe. Später hat sich dann die glückliche Wendung ergeben, dass ich Benjamin kennengelernt habe. Ich habe ihn einfach gefragt, ob er die Geschichte gemeinsam mit mir umsetzen möchte. Dabei hat er dann als Autor das in die Geschichte mit reingebracht, was ich eben nicht habe.

Habt ihr euch eigentlich bereits während der Entstehungsphase von Jakob Gedanken darüber gemacht, ob und wie euer fertiges Produkt veröffentlicht werden könnte?

FM: Ja. Uns war schon klar, dass wir einen Verlag suchen sollten, um den fertigen Jakob zu veröffentlichen. Mir ist dann zuerst der Cross Cult Verlag eingefallen, den ich damals schon kannte und gut fand. Außerdem hat Cross Cult seinen Sitz in Ludwigsburg, also quasi um die Ecke. Die haben uns dann gleich die Chance gegeben, unsere Arbeit zu präsentieren.

BS: Cross Cult hat sich damals auch um eine Connection zur Filmakademie bemüht, außerdem waren sie auf der Suche nach deutschen Autoren und Zeichnern – und auch gleich überzeugt von unserer Sache. Viele andere, die unser vorläufiges, unfertiges Material gesehen haben, fanden das ebenfalls gut, was natürlich auch ein Grund war, sich an den Verlag zu wenden. Als wir mit dem Projekt angefangen haben, habe ich schon noch gedacht, dass es nicht über ein paar Kopien, die wir anfertigen lassen, hinausgeht.

Felix, du hast ja, bevor du an die Filmakademie gegangen bist, ein Biologiestudium begonnen, während dem du dich als Illustrator, u.a. für Rollenspielverlage, verdingt hast. Hast du eigentlich jemals eine diesbezügliche Ausbildung gemacht?

FM: Nein. Als Zeichner braucht man auch keine Ausbildung. Was man braucht, ist Sitzfleisch. Ich habe einfach vor ein paar Jahren mit dem Zeichnen angefangen – und gemerkt, dass mir das Spaß macht...

BS: ...und sehr gut bei den Frauen ankommt...

FM: ...ja, das auch, durch Zeichnen wirkt man attraktiv auf Frauen (lacht). Was ich mir damals angeeignet habe, versuche ich jetzt auch anderen zu vermitteln, ich unterrichte das ja an der Filmakademie. Ich glaube, dass sich viele Sachen, die man als Zeichner macht, in ganz simplen Worten erklären lassen.

BS: Das ist mit dem Schreiben vergleichbar – das muss man auch nicht studiert haben, um es zu können. Das Studium hat mir schon sehr viel beigebracht, es hat mir aber auch ein Wissen über das, was ich nicht tun will, vermittelt. Von den vielen Regeln, die man gelehrt bekommt, interessiert mich das meiste nicht. Es macht einfach keinen guten Autor aus dir, wenn man sich strikt an vorgefertigte Regeln hält. Das macht keine gute, inspirierende oder emotional berührende Geschichte aus.

FM: Ich kann jedem Kreativen empfehlen, ein oder zwei Jahre lang etwas zu studieren, was er nicht machen will. Biologie hat mich nämlich wirklich weitergebracht, auch wenn es da nur um Kleinigkeiten geht, die ich jetzt irgendwie anwenden kann. Und obwohl ich keinen Film drehen will, habe ich an der Filmakademie viel über Dramaturgie gelernt oder über Teamarbeit. Und wie man mit Leuten spricht, wenn man ein Projekt durchziehen möchte. Ohne das Biologiestudium und die Filmakademie würde ich jetzt bestimmt nicht hier sitzen.

Ich habe noch eine Frage zum Layout von Jakob. Ihr habt den Comic im Querformat herausgebracht, was ja eher ungewöhnlich ist. Ist diese Entscheidung der Erzählstruktur geschuldet, oder wolltet ihr damit vielleicht die Nähe eures Werks zum Kinderbuch unterstreichen?

FM: Diese Entscheidung ging eindeutig aus dem szenischen Aufbau des Buches heraus. Wir wussten, dass wir viele Naturpanoramen zeigen wollen. Wer so etwas mal im DinA4-Hochformat gezeichnet hat, weiß, warum Querformat sinnvoller ist.

Also ein Comic in Cinemascope.

FM: Ja, so ungefähr.

BS: Sonst kann man zum Beispiel einen Himmel nicht vernünftig unterbringen.

FM: Und dass Jakob wie ein Kinderbuch aussieht, war uns eigentlich nie wirklich bewusst. Darüber haben wir überhaupt nicht nachgedacht.

BS: Es ist aber schon unsere Intention, ein bisschen abwegig oder gegenläufig zu arbeiten. An Stellen, wo es bei anderen kitschig wird, gehen wir dahin, wo´s wehtut, und an Stellen, wo man glaubt, dass es gleich weh tun wird, gehen wir ins Kitschige. Es ist auf jeden Fall nicht unser Ziel, etwas zu machen, von dem hinterher jeder sagen kann, dass er´s verstanden hat. Es liegt uns mehr daran, dass es den Leuten gefällt, obwohl sie vielleicht nicht alles durchschauen und sofort nachvollziehen können.

Ihr habt ja auch euer eigenes Studio gegründet, das Zeitland.


FM: Ja, da wird z.B. nächstes Jahr ein Browsergame namens Rust Raiders released. Es geht da um eine postakopalyptische Welt, in der durch Zeitreisen die unterschiedlichsten Epochen der Geschichte unseres Planeten vermischt wurden – ein Konglomerat genialer Ideen!

BS: Hinter dem Projekt steht unser Kollege Beren Baumgartner – und ein 18-köpfiges Team. Wir ziehen das richtig groß auf und freuen uns darauf, da mitzumachen. Wir werden wohl auch einen Comic zu dieser Welt beisteuern, ich selbst werde diesbezüglich etwas in Richtung Hörbuch machen. Es wird also ein großes Crossmedia-Projekt, wo unterschiedliche Medien etwas Zusammenhängendes, sich gegenseitig Ergänzendes präsentieren sollen. Vielleicht ein bisschen wie Star Wars. Bei Star Wars werden ja auch durch die unterschiedlichsten Medien alle Sinne angesprochen. Ich glaube, dass es das ist, was die Leute heutzutage wollen – und nicht einfach nur ein Buch. Es gibt ja schließlich sehr viele Möglichkeiten. Und die wollen wir ausloten.

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