Vom Leben gezeichnet
Der bei Avant erschienene Sammelband Lästermaul & Wohlstandskind beinhaltet die ersten 50 Episoden der gleichnamigen Comic-Strip-Reihe, die Tim Dinter im vierwöchigen Turnus für den Tagesspiegel zeichnet. ´Nen Grund zum Lästern gibt´s da nicht.
Lästermaul & Wohlstandskind sind zwei Berlin-Bewohner, ein resolutes Mädel und ein Kerl mit Hang zu Selbstmitleid. Sie sind, natürlich, möchte man sagen, Angehörige der Generation IWM – irgendwas mit Medien – und mit Mittte, Ende Dreißig so ziemlich am Ende ihrer Jugend angelangt, die bei Vertretern ihrer Gattung ja gerne etwas länger dauert. Er macht in Graphik, selbstständig; was sie so zum Broterwerb treibt, erfährt man nicht wirklich – wohl aber, dass sie als Praktikantin und Gelegenheitsjobberin ebenso freischaffend ist wie der gemeine Hartz Vierler. Übers Wasser halten sich die beiden Freunde vornehmlich mit nörglerischen Bestandsaufnahmen des Alltags in der Hauptstadt.
Die Hauptstadt fungiert dabei nicht nur als facettenreiche Kulisse – sie ist im Grunde die eigentliche Hauptfigur, die die Geschicke von Lästermaul & Wohlstandskind bestimmt. Keine Wahrheit und kein Klischee werden dabei ausgelassen: die Baby-Schwemme vom Prenzlauer Berg, das nächtens von besoffenen Touristen heimgesuchte Mitte, Summer in the City am Spreeufer, Kreuzberg als ein vermeintlich neuer (also erneuter) In-Kiez. Und selbstverständlich: Gentrifizierung. Zu diesem Thema beinhaltet Episode 45 der Berliner Geschichten vermutlich den besten Dialog, der hierzu jemals geschrieben wurde: »Was ist eigentlich Gentrifizierung?« »Keine Ahnung. Ich nehm noch´n Soja Latte.«
Es sind geistvolle Momente wie diese, die Dinters gesammelte One-Pager so sympathisch machen. Sie lassen die kleinen Geschichten nicht nur komisch und/oder nachdenklich, sondern vor allem real erscheinen – und da es Dinter gelingt, dass seine Figuren über die Episoden hinweg an Kontur gewinnen, liest man immer gern noch eine Folge mehr.
Neben glaubhafter Figurenentwicklung und ehrlichen, ungezierten Dialogen sorgen vor allem Dinters cleaner Strich und seine aufgeräumte Panelgestaltung für einen lebensnahen Eindruck. Die abstrahierten Gesichtszüge der einzelnen Figuren und die meist flächige Kolorierung bieten viel Raum, in dem sich das dargestellte Leben entfalten kann. Nicht selten wartet Dinter mit detaillierten Hintergründen auf, die er Panel an Panel auf monochrome Farbflächen treffen lässt. Dadurch wird eine etwaige Hektik der Bilder mit Harmonie ausgeglichen, während die im Wechsel inszenierten Close-Ups und Panoramablicke sehr schön aufzeigen, wie die Stadt und ihre Bewohner jeweils gegenseitig auf sich abfärben.
Die Reihe ist übrigens mit allerlei (pop-)kulturellen Referenzen gespickt, was für zusätzliche Schmunzler sorgt und den kurzen Episoden übergeordnete Relevanz verleiht. So wird zum Beispiel die Houellebecq´sche Kampfzone zur Urlaubszone ausgeweitet, und die melancholische Grundstimmung, die wie ein Schleier über den kleinen Geschichten liegt, findet ihre Entsprechung im Tocotronic-Titel So jung kommen wir nicht mehr zusammen, der als Episoden-Überschrift herhält. Außerdem werden in den jeweils ersten Panels, die die einzelnen Geschichten in die bestehende Comic-Reihe verorten, Zeichnerkollegen wie Winsor McCay und der Zürcher Mike gewürdigt sowie die Optik von Kippenschachtel-Warnhinweisen aufgegriffen. So zeigt Dinter, dass auch die starren Konturen eines einheitlichen Layouts viel Raum für Variation bieten können.
Apropos starre Konturen: Für den vorliegenden Sammelband wurde das ursprünglich quadratische Layout der One-Pager geändert. Eine Episode füllt nun zwei Seiten in einem querformatigen Hardcoverbuch. Das Lesevergnügen wird dadurch nicht getrübt. Für einen eventuell bzw. hoffentlich geplanten Nachfolgeband birgt das geänderte Format jedoch eine Gefahr, da sich Dinter bei seinen neueren Episoden mehr Freiheiten bei der Panelgestaltung erlaubt.
Die Hauptstadt fungiert dabei nicht nur als facettenreiche Kulisse – sie ist im Grunde die eigentliche Hauptfigur, die die Geschicke von Lästermaul & Wohlstandskind bestimmt. Keine Wahrheit und kein Klischee werden dabei ausgelassen: die Baby-Schwemme vom Prenzlauer Berg, das nächtens von besoffenen Touristen heimgesuchte Mitte, Summer in the City am Spreeufer, Kreuzberg als ein vermeintlich neuer (also erneuter) In-Kiez. Und selbstverständlich: Gentrifizierung. Zu diesem Thema beinhaltet Episode 45 der Berliner Geschichten vermutlich den besten Dialog, der hierzu jemals geschrieben wurde: »Was ist eigentlich Gentrifizierung?« »Keine Ahnung. Ich nehm noch´n Soja Latte.«
Es sind geistvolle Momente wie diese, die Dinters gesammelte One-Pager so sympathisch machen. Sie lassen die kleinen Geschichten nicht nur komisch und/oder nachdenklich, sondern vor allem real erscheinen – und da es Dinter gelingt, dass seine Figuren über die Episoden hinweg an Kontur gewinnen, liest man immer gern noch eine Folge mehr.
Neben glaubhafter Figurenentwicklung und ehrlichen, ungezierten Dialogen sorgen vor allem Dinters cleaner Strich und seine aufgeräumte Panelgestaltung für einen lebensnahen Eindruck. Die abstrahierten Gesichtszüge der einzelnen Figuren und die meist flächige Kolorierung bieten viel Raum, in dem sich das dargestellte Leben entfalten kann. Nicht selten wartet Dinter mit detaillierten Hintergründen auf, die er Panel an Panel auf monochrome Farbflächen treffen lässt. Dadurch wird eine etwaige Hektik der Bilder mit Harmonie ausgeglichen, während die im Wechsel inszenierten Close-Ups und Panoramablicke sehr schön aufzeigen, wie die Stadt und ihre Bewohner jeweils gegenseitig auf sich abfärben.
Die Reihe ist übrigens mit allerlei (pop-)kulturellen Referenzen gespickt, was für zusätzliche Schmunzler sorgt und den kurzen Episoden übergeordnete Relevanz verleiht. So wird zum Beispiel die Houellebecq´sche Kampfzone zur Urlaubszone ausgeweitet, und die melancholische Grundstimmung, die wie ein Schleier über den kleinen Geschichten liegt, findet ihre Entsprechung im Tocotronic-Titel So jung kommen wir nicht mehr zusammen, der als Episoden-Überschrift herhält. Außerdem werden in den jeweils ersten Panels, die die einzelnen Geschichten in die bestehende Comic-Reihe verorten, Zeichnerkollegen wie Winsor McCay und der Zürcher Mike gewürdigt sowie die Optik von Kippenschachtel-Warnhinweisen aufgegriffen. So zeigt Dinter, dass auch die starren Konturen eines einheitlichen Layouts viel Raum für Variation bieten können.
Apropos starre Konturen: Für den vorliegenden Sammelband wurde das ursprünglich quadratische Layout der One-Pager geändert. Eine Episode füllt nun zwei Seiten in einem querformatigen Hardcoverbuch. Das Lesevergnügen wird dadurch nicht getrübt. Für einen eventuell bzw. hoffentlich geplanten Nachfolgeband birgt das geänderte Format jedoch eine Gefahr, da sich Dinter bei seinen neueren Episoden mehr Freiheiten bei der Panelgestaltung erlaubt.
Titelangaben:
Tim Dinter: Lästermaul & Wohlstandskind. Neue Berliner Geschichten.
Berlin: Avant Verlag 2011.
119 Seiten. 24,95 Euro.
Berlin: Avant Verlag 2011.
119 Seiten. 24,95 Euro.

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