Blank gezogen
Pikierte Blicke, faszinierte Blicke – der zweite Band von Tim Pilchers Reihe Erotische Comics wird vieles ernten. Verdienterweise auch Anerkennung.
Bei Knesebeck ist nun auch der zweite Band von Tim Pilchers Reise durch die erotische Comic-Landschaft erschienen: Erotische Comics Bd. 2. Das Beste aus den letzten fünf Jahrzehnten. Der unbedarfte Leser, der schon mal einen Blick in das Vorgängerwerk, Das Beste aus zwei Jahrhunderten, werfen konnte, bekommt beim ersten Durchblättern des neuen Bandes sofort eine Tendenz vor Augen geführt: Während der erste Teil von Pilchers Erotik-Kompendium aufzeigt, dass der Comic bereits früh seine Unschuld verloren hat, wird anhand des Nachfolgewerks deutlich, dass die sequenzielle Kunst inzwischen alle Hemmungen abgelegt hat und längst kein Gefühl von Scham mehr kennt.
Diesen Aspekt kann man schon anhand des Covermotivs erkennen. Auf dem ersten Band ist eine Frau in aufreizender Pose zu sehen, die durch ein Schlüsselloch blickt, während sie sich selbst dem voyeuristischen Blick des Betrachters aussetzt. Einem lüsternen Blick zwar, aber einem eher heimlichen und verstohlenen. Beim aktuellen Band dagegen sieht man auf dem Cover der Verführung in der anmutigen Gestalt einer von Giovanna Casotto gezeichneten Frau direkt in das sündige Antlitz.
So spricht Pilcher am Ende seiner Einleitung auch einen Satz aus, der durchaus als Warnung verstanden werden kann: Dies hier ist Hardcore. Wer allerdings in diesen Worten ein Versprechen erkennen möchte, wird feststellen, dass es mehr als eingehalten wird. In den letzten 50 Jahren der Comicgeschichte geht es ordentlich zur Sache. Überall und in jeglicher Hinsicht. Und Pilcher scheut sich glücklicherweise nicht, seinem Leser diese Entwicklung unverschleiert mitzuteilen.
In aller Deutlichkeit
»Verständlicherweise geht die Sorge um, die alte Maxime des ›weniger ist mehr‹ sei inzwischen überholt, indem das Implizite fast vollständig durch das Explizite verdrängt wurde«, stellt Pilcher fest. Dies ist eine der wenigen Stellen, in der Pilcher wertend innerhalb seiner Zusammenstellung in Erscheinung tritt. Die Stärke des Bandes liegt aber ohnehin nicht in der kritischen Auseinandersetzung, sondern in seiner mehr als nur einen knappen Überblick verschaffenden Fülle an Bildmaterial. Der erläuternde Textanteil, der den Bildband zur Dokumentation erhebt, nimmt ein gefühltes Drittel ein.
Das erste Kapitel beleuchtet den erotischen Comic in den USA. Hier ist vor allem die recht ausführliche Abhandlung über den »Comics Code« erhellend, der als freiwillige Kontrollinstanz installiert wurde. Die Geschichte der vom französischen Métal Hurlant inspirierten Magazins Heavy Metal, das Zeichner und Autoren des europäischen Underground auch einem amerikanischen Publikum zugänglich machte, bekommt ebenfalls einen großen Raum beigemessen. Daneben werden u.a. Verlage wie Eros Comix und FBI vorgestellt, Serien wie Cherry Poptart und Omaha the Cat Dancer, Künstler des Underground wie Frank Cho und Frank Thorne bis hin zu Peter Milligan und Garth Ennis, die den Sex schließlich in den Mainstream-Comic gebracht haben.
Bei aller Liebe
Im zweiten Kapitel wird die schwul-lesbische Comic-Szene behandelt. Neben Pionieren wie Howard Cruse, Tom of Finland oder Alison Bechdel hat hier auch der deutsche Künstler Ralf König Einzug in den Band gefunden – immerhin ist er der populärste Autor schwulenspezifischer Literatur überhaupt; seine Comics werden in 14 Sprachen übersetzt und gingen fast 7 Millionen mal über die Ladentheken aller Herren Länder.
Das dritte Kapitel widmet sich dem erotischen Comic in Europa. Hier werden Größen wie Manara, Serpieri und Casotto, von der auch das schöne Covermotiv stammt, vorgestellt, aber auch die in Europa populären lateinamerikanischen Künstler Francisco Solano López und Ignacio Noé. Daneben werden das italienische Magazin Glamour International sowie die britische und die spanische Szene porträtiert, bevor Lost Girls, Alan Moores und Melinda Gebbie-Moores Meilenstein des erotischen Comics, ausführlich ins Visier genommen wird. Moore hat dem Band übrigens auch ein schönes Vorwort beigesteuert.
Die bizarrsten Auswüchse innerhalb der Geschichte des erotischen Comics bietet schließlich der Überblick über die japanische Szene. Dies wird allein schon durch den Titel des Kapitels deutlich: Titten und Tentakel. Obwohl sich in Japan freizügige Darstellungen in der Form der sogenannten shunga-Graphiken sehr früh etablieren konnten, gab sich die Gesetzgebung Japans über die Jahrzehnte hinweg recht wankelmütig. Wie ernst die japanischen Comickünstler und deren Publikum die Erotik nehmen, zeigt sich vor allem in den einzelnen Genres, die alle unterschiedliche Vorlieben, Spielarten oder Fetische bedienen: Yuri, Lolicon, Shonen-Ai, Yaoi, Futanari oder Bakunyu – für jedes Nischenpublikum bietet der japanische Markt das entsprechende Material.
Ins Netz gegangen
Das letzte Kapitel widmet sich schließlich dem erotischen Web-Comic. Neben diversen Websites werden auch hier einzelne Künstler wie Jess Fink oder die Online-Serie The Erotic Adventures of Space Babe 113 näher in Augenschein genommen. Im Vergleich zu den anderen fällt dieses Kapitel allerdings recht knapp aus – sollte sich Pilcher zu einem dritten Band entschließen - was man nur hoffen kann - wird das Thema dort bestimmt einen Schwerpunkt bilden.
Pilchers schön gestaltetes Kompendium hat das Zeug, Begierden zu wecken, die es vor der Lektüre nicht gab. Man möchte direkt zum nächsten Comic-Händler, um das eine oder andere vorgestellte Werk zu ordern. Wer mit der Thematik bereits vorher etwas anfangen konnte, wird das Buch lieben, offenbart es einem doch so manchen »Aha«-Effekt. Für andere ist es mindestens aufschlussreich. Wieder andere werden es bestimmt als schmutzig und obszön empfinden. Und mehr kann man von einem Buch, das eine Übersicht über die erotische Comic-Landschaft verschaffen will, nicht verlangen.

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