Donnerstag, 9. Januar 2014

WWE Wrestlemania Revenge Tour 2010

Grob auf die Mütze

„Oooh yeeah" hätte „Macho Man“ Randy Savage höchstwahrscheinlich ausgerufen, wenn er gewusst hätte, dass ich, "The Bonecrushin´ Crowbar from Lower Franconia", für TITEL-Kulturmagazin die WWE Wrestle Mania Revenge Tour am 14.04.2010 in Oberhausen besuche…




Fear and Loathing in Oberhausen: Am frühen Nachmittag des 14.04. steige ich in einen altgedienten Polo, der vollgepackt ist mit Drogen der Sorte Pils, Export, Filterkippen und Drehtabak. Das Ziel: Ich will vom größten Spektakel berichten, das die Unterhaltungsindustrie zu bieten hat: die WrestleMania Revenge Tour.

Auf meine alten Tage hin – also auf die meiner Jugend, die ich wohlwollend mit auslaufend bezeichne – aber auch auf die der Wrestlingliga WWE, deren golden age die Zeit der späten Achtziger bis Mitte der Neunziger war, in der sie noch als WWF firmierte, haben ich beschlossen, dass der Besuch einer Wrestlingveranstaltung unbedingter Bestandteil des Lebenslaufes eines jeden zu sein hat, der in den Achtzigern Kind war. Entzündet wurde mein Fieber durch Darren Aronofskys Film The Wrestler, dieser schwitzige, speichelige und blutige Abgesang auf den Mythos Wrestling.

Schaumgeboren

Auf der Autobahn schwelge ich, rufe mir die großen Matches der WWF in Erinnerung. Jeden Heroen erkannte ich sofort an seiner Einmarschmusik. Zum Beispiel der legendäre Kampf zwischen Shawn Michaels und „The Model“ Rick Martel beim SummerSlam ´92 um die Gunst von „Sensational“ Sherri. Oder das Casket Match zwischen dem Undertaker und Yokozuna. Das Match zwischen Brett „The Hitman“ Hart und seinem Bruder Owen Hart, bei dem ihr Vater persönlich, die Wrestling-Legende Stu Hart, das Handtuch werfen musste. Oder auch dieser unheimliche Moment, als Papa Shango vor einem Kampf mittels seiner Voodoo-Zauberkräfte das Licht in der Arena hat ausgehen lassen … Ich schwelge auf der Autobahn.

Manche Helden verdankten ihre Geburtsstunde dem kalten Krieg: Sergant Slaughter und Colonel Mustafa zum Beispiel. Oder Bam Bam Bigelow, dem genügte der Zusatz „Beast from the East“, um ihn zum verhassten Bösewicht zu machen. Im Kuriositätenkabinett der WWF waren des weiteren Charaktere wie die Headshrinkers vertreten, oder Kamala, ein Wilder aus dem Busch – Uganda –, der weder die englische Sprache noch die Regeln kannte und dem sein Manager, der schmierige Harvey Whippleman, immer wieder aufs neue mit Händen und Füssen erklären musste, wie der Gegner regelkonform auf dem Ringboden zu pinnen ist. Die Charaktere der WWF strotzten nur so von Rassismus und kulturellem Halbwissen, dem Schaum dieser brackigen Ursuppe sind sie entstiegen.

Als ich während der Rushhour im Ruhrpott nur noch stockend vorankomme, überlege ich, wie viel Geld ich bereit bin, am Merchandise-Stand für eine dieser riesigen Schaumstoffhände, wie ich sie von früher aus dem Fernsehen kenne, auszugeben. Eine ganze Menge auf jeden Fall, das weiß ich, denn eines ist klar: Die Accessoires müssen stimmen! Das gilt für mich als Zuschauer genauso wie für die aktiven Wrestler. So hat erst ein Kantholz „Hacksaw“ Jim Duggan zu einem unverwechselbaren Charakter gemacht. Für Razor Ramon genügte ein Zahnstocher zur Komplettierung seiner arroganten Attitüde. Und Brutus „The Barber“ Beefcake hat seinen Barbershop nie ohne seine Heckenschere verlassen.

Einigermaßen fair

In der Oberhausener König-Pilsener-Arena stelle ich allerdings enttäuscht fest, dass diese Riesenhände überhaupt nicht verkauft werden. 20 Euro hätte ich ohne mit der Wimper zu zucken für so ein Ding locker gemacht! Und ein T-Shirt möchte ich nicht. Ein bedruckter Pappbecher für 5 Euro kommt mir etwas überzogen vor. Aber vielleicht die Rey Mysterio-Plastikmaske für 15? Das scheint mir gut angelegtes Geld zu sein. Zum Glück sehe ich, bevor ich mich tatsächlich in das Gedränge um den Merchandise-Stand einreihe, noch einen Zehnjährigen mit dieser Maske durchs Foyer stolzieren und bemerke, wie schäbig die in der Verkaufsbude schön an die Wand drapierte Maske in Wirklichkeit ist. Aber ich habe ja von vornherein gewusst, dass ich hier über´s Ohr gehauen werde.

Nachdem ich meinen Platz eingenommen habe und für einigermaßen faire 3,50 Euro ein abgestandenes Bier aus einem Plastikbecher trinken darf, beginnt die Show. Pünktlich um acht. Keine Starallüren, die den Beginn hinauszögern? Ich wundere mich. Und schon kündigt der Ring-Announcer den ersten Kombattanten an. Doch Jubel sieht irgendwie anders aus. Gebuht wird aber auch nicht. Die Zuschauer scheinen sich unschlüssig zu sein, ob es sich bei Shad Gaspard um einen der Guten oder doch um einen Bösen handelt. Zum Glück greift sich der zwei Meter messende Afroamerikaner das Mikrofon des Ringsprechers, um diesbezüglich jeden Zweifel zu zerstreuen: „I hate Germans!“

Keine Fragen mehr offen

Als guter Zuschauer muss man es verstehen, entsprechend darauf zu reagieren. Es gilt, seine Rolle in dieser Show einzunehmen. Trotzdem habe ich Skrupel, ein „Sieh dich vor! Du weißt, was dir und deinesgleichen hierzulande blüht!“ zu entgegnen. Eine seltsame Angst, man könnte mich, hier, in der klar zwischen gut und böse differenzierenden World of Wrestling Entertainment, dennoch missverstehen. Mich plötzlich wörtlich nehmen.

Der Kampf des Deutschenhassers gegen Kane, kommt mir irgendwie unwirklich vor. Der Ring erscheint mir - obwohl ich nur zwanzig Meter davon entfernt sitze - klein. Außerdem vermisse ich das Kommentatorenduo der Fernsehübertragungen, ihr Fachwissen und die aktuellen Absurditäten aus der Wrestling-Daily-Soap. Doch dann ruft mir das Klatschen der Handrücken auf die muskelbepackten Körper und das durch Lautsprecher verstärkte Geräusch des Aufprallens der massigen Leiber auf dem Ringboden mir in Erinnerung zurück, dass ich hier etwas Wahrhaftes erlebe.

Bereits der zweite Kampf – ein Tag-Team-Match zwischen den WWE-Diven Michelle McCool und Layla gegen Beth Phoenix und Mickie James – lässt das Publikum ein wenig aus seiner Paralyse erwachen. Die Euphorie ist zwar meilenweit davon entfernt, amerikanische Verhältnisse anzunehmen, aber die Stimmung wird zunehmend besser in den lichten Reihen der Arena. Beim fünften Kampf betritt mit Luke Gallows die imposanteste Erscheinung des Abends den Ring. Er ist Mitglied von CM Punks straight edge society, und ich begreife daraufhin sofort, warum das glatzköpfige Muskelpaket nicht einhellig gemocht wird: Jemand, der sich gegen Alkohol ausspricht, kann kein Mann des Volkes sein! Trotzdem habe ich zahlreiche Fans von CM Punk und Luke Gallows im Publikum anhand ihrer T-Shirts ausmachen können. Die zwiespältigen Charaktere sind eben doch die interessanteren. Das war schon immer so.

Die echten und die heimlichen Highlights

Nach der Pause bekommt das Oberhausener Publikum dann einen Titelkampf geboten. Und der Intercontinental Champion Drew McIntyre, der vor dem Fight getönt hat, dass alle deutschen Frauen hässlich seien, kann doch tatsächlich seinen Gürtel erfolgreich gegen Matt Hardy verteidigen! Machen wir uns nichts vor: Das war abzusehen. Schließlich kann man die Fans zu Hause nicht vor den Kopf stoßen, indem man in einem fernen Land namens Europa etwas an der bestehenden Liga-Historie ändert. Daher wird man hierzulande genauso wenig einen neuen Champion feiern können wie man es erleben wird, dass einer der bad guys einen Wandel zum Guten durchmacht. Wie zum Beispiel Lex Luger am 4. Juli 1993 im Rahmen des BodySlam-Contests, das auf dem Flugzeugträger U.S.S. Intrepid ausgetragen wurde. Bei dem Contest galt es, den schwergewichtigen Yokozuna, als Japaner unweigerlich ein Bündnispartner der bösen Nazis, zu slammen, was außer Lex Luger, der dafür extra eingeflogen kam, keiner schaffen durfte. Nachdem Hulk Hogan die WWF verlassen hatte, brauchte man nun mal einen neuen auf der Seite der Guten – und die Zeiten, in denen niemand Sympathie für Lex Luger aufgebracht hat, waren nach nur einem body slam vorüber.

So braucht es auch nicht zu verwundern, dass beim finalen Kampf des Abends, einem triple threat match, der Unsympath Jack Swagger seinen Titel als World Heavyweight Champion gegen seine beiden Kontrahenten Edge und Chris Jericho verteidigen kann. Die besondere Attraktion dieses Kampfes war, dass die mittlerweile fast 53-jährige WWF-Legende Bret „The Hitman“ Hart dem Kampf in neutraler Rolle als sogenannter special outside enforcer beiwohnte und ein wenig am Kampfgeschehen mitmischen durfte. Seine kurze Gastvorstellung dürfte dem alternden Recken, der eigentlich mal geschworen hat, mit dieser Liga nie wieder zu kooperieren, nachdem er einst um den Titel betrogen wurde, die vermutlich höchste Gage des Abends eingebracht haben. Aber wer weiß – vielleicht war auch wesentlich weniger nötig, um den brettharten Hitman seinen Schwur vergessen zu lassen.

Das heimliche Highlight des Abends aber, an dem die Polster artig auf den Seilhalterungen geblieben sind, niemand einen Klappstuhl über die Rübe gezogen bekam und an dem der Ringrichter kein einziges mal zu Boden gegangen ist, war jedoch der vorletzte Kampf zwischen CM Punk und Rey Mysterio. Letzterer ist mit seinen 1,60m nicht nur für Wrestlingverhältnisse ein Knirps. Ein Knirps mit überragenden technischen Fähigkeiten allerdings. Und wenn uns, den deutschen Fans also, schon die ganz Großen der Liga wie Batista oder der Undertaker vorenthalten werden, dann müssen´s eben die Kleinen richten.

Nach zweieinhalb Stunden ist das Spektakel schließlich zu Ende. Ich kann also nicht behaupten, dass ich für mein Geld zu wenig geboten bekommen hätte. Als ich wieder in meinem Wagen sitze, gebe ich mich der Vorstellung hin, die Fahrer, deren Autos beim Verlassen des Parkhauses eine nicht enden wollende Schlange bilden, am Genick zu packen und auf den Boden zu schmettern. Chris Jericho, Rey Mysterio und wie sie alle heißen, hätten sicher nicht soviel Geduld wie ich aufgebracht ...

Letzten Endes bleibt es jedoch bei der bloßen Vorstellung. Für das echte, alles zermalmende Gewaltpotential hat es bei mir dann doch nicht gereicht. Im Grunde also ein bisschen wie Wrestling. „Ooh yeeah!“ hätte „Macho Man“ Randy Savage gesagt.


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