Freitag, 20. Dezember 2013

Fabian Burstein (Hg.): Wir feiern Untergang!

Jammern auf hohem Niveau

Es ist und bleibt, wie es war und ist: Heute gibt es alles. Aber früher war alles besser. Und wenn dem eh immer so ist, warum sich dann nicht mal gutgelaunt über den Verfall der Kultur in all ihren Facetten auskotzen? Dem pflichte ich bei.
 
 
Ja ja, allerorten vernimmt man es, und die Stimmen werden immer lauter: Die Kultur steckt in der Krise, egal ob Hoch- oder Pop-. Und was (spätestens, wohlgemerkt) seit dem guten alten Platon Konjunktur hat, darf natürlich auch unseren österreichischen Nachbarn nicht vorenthalten werden – mal ganz abgesehen davon, dass es gut für das Seelenheil sein soll, auch mal anständig zu motzen.

It´s the end of the world as we know it …


Ich weiß nicht, ob speziell der Wiener oder der Schluchtenscheißer an sich, wie der gemeine Österreicher hier mancherorts nicht ohne Wohlwollen genannt wird, ein Grantler ist – gut, dass Fabian Burstein zwei Dutzend seiner Landsleute um sich geschart hat, um dem Kulturpessimismus zu frönen, denn es ist herrlich, mit wie viel Schmäh diese, je nachdem, den Sargdeckel über der Kultur zunageln, sie persönlich an den Richtbock führen oder auch mal lebenserhaltende Maßnahmen einleiten.

In Wir feiern Untergang! sind 26 Essays versammelt, die meistens mehr, selten weniger geistreich und bissig Abgesänge auf die Oper, das Kino, die Musikindustrie und die Malerei über die Kulturpolitik und die guten Manieren bis hin zur Pornografie und den Stadionrock predigen. Die Autoren sind jeweils ausgewiesene Fachleute der einzelnen Sparten, von denen mir bisher lediglich der Regisseur Florian Flicker, Klaus Nüchtern, u. a. Juror des Ingeborg-Bachmann-Preises, und die, ja, ich geb’s zu, Pornoproduzentin und ehemalige -darstellerin Renee Pornero bekannt waren; die Letzte natürlich nur vom Hörensagen. Daneben finden sich noch Christoph Wagner-Trenkwitz, Johann Skocek, Austrofred, Hermes Phettberg, Walter Gröbchen u. v. a.

Wenn man die Aufsätze liest, möchte man fast darüber in Jubel ausbrechen, dass die Kultur dermaßen im Argen liegt, wie zumindest behauptet wird. Denn dies legitimiert schließlich die Salven böswilliger Sätze, die zu lesen die reinste Freude ist. In Bursteins gesammelten Schriften zum Kulturpessimismus folgen Hasstiraden auf Nachrufe, Anklageschriften auf Trauerreden. Und die Autoren haben ja recht: Sollte man „die einander mit scheußlicher Blödkappenmusik aus ihren Mobiltelefonen bedudelnden Blödkappenträger zur Rücksichtnahme anzuhalten versuchen, ist Unterstützung kaum zu erwarten“.

… but I feel fine


Natürlich folgt die Anthologie genau dem Zeitgeist: Wo es ohnehin an allen Ecken und Enden kriselt und Autoren wie Houellebecq und Faldbakken ihre Helden mit Argwohn und Zynismus auf eine argwöhnische und zynische Welt loslassen, bietet Wir feiern Untergang! weder Neues noch Unerwartetes, was die Aufsatzsammlung natürlich selbst von anderen einfordern will. Den einzelnen Autoren kann man dies jedoch nicht zum Vorwurf machen, denn diese haben durch die Bank der aktuell wenig originellen Vorgabe nicht nur brüllend komische, sondern auch treffende und reflektierte Beiträge beigesteuert, die einen auch dann begeistern, wenn man vom jeweiligen Fach selbst gar keine Ahnung hat.

Ein Quantum Trost für Schwarzseher

So vernichtend die Kritik oft ist und es die Aussichten scheinbar sind, es besteht, man kann es kaum glauben, Raum für Hoffnung. Denn in einem Punkt ist man sich einig: Der Untergang geht niemals unter. Bei all den zornigen und/oder traurigen bzw. selbstmitleidigen Blicken zurück sieht der nach vorn gerichtete in den meisten Fällen dann doch gar nicht so schwarz. Ob es vielleicht doch ein richtiges Leben im falschen gibt?
 
 

Titelangaben:
234 Seiten. 19,90 Euro.

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