Samstag, 21. Dezember 2013

Felix Mertikat/Benjamin Schreuder: Jakob

Death is a travelling Man

Felix Mertikats und Benjamin Schreuders schaurig-schönes Comic-Debüt Jakob mutet auf den ersten Blick an wie ein Kinderbuch, entpuppt sich dann jedoch als eine morbide Mär, für die E.T.A. Hoffmann hätte Pate stehen können.

„It is preferable not to travel with a dead man“. Mit diesen Worten aus der Feder von Henri Michaux wird Jim Jarmuschs großartiges Westernpoem Dead Man eingeläutet. In diesem Filmjuwel irrlichtert Johnny Depp als unfreiwilliger Outlaw seinem sicheren Tod entgegen. Der Weg des kleinen Jakob scheint im gleichnamigen Comic ebenso vorgezeichnet zu sein. Aber der Reihe nach.

Natürlich ist der Vergleich zwischen einem Film und einem Comic nur bedingt angebracht. Wenn der entsprechende Comic jedoch das Abschlussprojekt zweier Absolventen einer Filmhochschule ist, erscheint der Vergleich schon etwas weniger abwegig. Jakob ist ein Diplomprojekt von Felix Mertikat und Benjamin Schreuder am Animationsinstitut der Filmhochschule Baden-Württemberg. Man könnte vermuten, dass der Comic aufgrund der Ausbildung seiner Urheber durch einen in irgendeiner Form bemerkenswerten szenischen Ablauf auffallen würde – und das tut er auch tatsächlich. Trotzdem merkt man es dem Werk nicht an, dass es sich um die Arbeit zweier Filmstudenten handelt. Aber wie und warum sollte ein guter Comic auch diesen Effekt erzielen?

Dem Tod auf den Fersen

Eines Tages wacht der achtjährige Jakob auf und seine Mutter ist fort – sie ist gestorben. Das bedeutet, so sagt man ihm, dass sie zu einer langen Reise aufgebrochen ist. Und Jakob will ihr auf dieser Reise folgen. Schnell stellt er fest, dass keiner den Weg zu dem Ort kennt, zu dem seine Mutter unterwegs ist. Und die Raben, von denen es heißt, sie würden den Weg kennen, wollen ihr Wissen nicht mit ihm teilen. Aber Jakob lässt sich nicht von seinem Vorhaben abbringen.

Auf seiner Reise begegnet der kleine Bub mit den zu großen Schuhen ständig dem Tod – für den ihm, von der Idee besessen, seine Mutter zu finden, allerdings Worte und Verständnis fehlen. So bleibt Jakob auch immer das Kind, als das er aufgebrochen ist, obwohl er im Verlauf seiner Wanderung deutlich altern wird. Manchmal blickt er dem Tod direkt ins Gesicht, ohne dessen Fratze zu erkennen. Doch meistens läuft er ihm in Form von anderen Wesen, deren Geschichte der dunkle Gevatter maßgeblich geprägt hat, über den Weg. All diese Kreaturen, die Jakob unterwegs trifft, sind im besten Sinne skurril – und bestechen durch ein komplexes Eigenleben, obwohl sie gleichzeitig auf allegorischer Ebene funktionieren. Einige von ihnen begleiten den Jungen ein Stück weit. Doch die letzte Reise muss dann doch jeder für sich alleine antreten.

Es ist zu einem Großteil der Einfallsreichtum, den die beiden jungen Autoren bei der Ausgestaltung der Nebenfiguren bewiesen haben, der den besonderen Reiz des bizarren Comicmärchens ausmacht – und der die morbide Erzählung über einen lediglich guten Fabelstoff hinaushebt.

Ein Bilderbuch für große Kinder

Die düstere Story ist vorwiegend mit hellen Farbtönen umgesetzt worden. Mertikats Aquarelle lassen einen dabei an die Illustrationen von Kinderbüchern erinnern. Außerdem hat er bei der zeichnerischen Umsetzung von Jakob auf eine klare Panelstruktur verzichtet. Oft bekommt man ganzseitige Zeichnungen präsentiert, in die kleinere Bilder eingefügt wurden, allerdings ohne sie konsequent durch Rahmen abzugrenzen. Dies bietet Mertikat die Möglichkeit, seine Bilder, bei denen er bei der Gestaltung der Hintergründe meist auf Outlines verzichtet, so zu konzipieren, dass die Zeitstruktur der Erzählung ein Stück weit aufgehoben wird. Vieles erscheint in einem zeitlichen Nebeneinander – ein gewollter Effekt, der den sequenziellen Ablauf dehnt und entspannt und auf diese Weise so etwas wie Zeitlosigkeit entstehen lässt.

Die beiden Autoren haben sich dazu entschieden, ihre Graphic Novel im Querformat zu präsentieren – was neben dem Zeichenstil auch dazu beiträgt, dass der Comic dem Leser wie ein Bilderbuch für Kinder erscheint. Dies verhält sich zwar auf dem ersten Blick konträr zu dem morbiden Charme der anrührenden Geschichte, doch auch Filme wie A Nightmare before Christmas oder Coraline funktionieren auf diese Weise – sie erzielen einen großen Teil ihrer Wirkung aus der Methode, erwachsene Inhalte über eine vermeintlich kindliche Form zu transportieren.

Am Ende der traurigen Erzählung wünscht man eigentlich nur, dass Jakobs Reise noch ein wenig weiter gehen soll. Man wünscht es sich selbst. Und für Jakob.

Titelangaben:
64 Seiten. 16,80 Euro.

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